Wasser

Es ist still.
Kein Rauschen des Windes.
Kein Laut eines Tieres.
Kein Herzschlag.

Ich fühle nichts.
Kein Boden unter mir.
Keine Emotion.
Es scheint als sei ich schwerelos.

Es ist dunkel.
Ich öffne meine Augen.
Doch dort ist nichts.
Nur das Schimmern der Sonne, flackernd, wessen Licht in der Dunkelheit verschlungen wird.

Ich lasse mich weiter fallen, in eine Richtung die ich noch nicht verstehe.
Ich bin so weit gekommen und doch habe ich so wenig gesehen.
Ich habe so viel gekämpft. Ich habe so viel Blut vergossen.
Es ist nun an der Zeit zu schlafen. Ich schließe meine Augen.
Es ist an der Zeit mich an meinem letzten Atemzug zu erinnern.

Es ist still.
Ich genieße die Ruhe.

Doch so sollte es nicht kommen.
Die Strömung des Flusses reißt mich mit.
Sie schleudert mich herum, ich habe jede Orientierung verloren.
Gelegentlich schleife ich über das Flussbett, pralle gegen Felsen, doch bremsen tut es mich nicht.
Ich mache mir nicht die Mühe dagegen anzukämpfen. Ich nehme den Schmerz nicht mehr wahr.

Der Fluss spült mich letztendlich ans Ufer, ich spüre wieder den Boden unter mir.
Ich erhebe mich mit zitternden Beinen, gehe ein paar Schritte ans Land. Ich atme mit starken Zügen, starre den Boden zu meinen Läufen an.
Blut tropft von meinem Körper. Jeder Tropfen verschwindet einzeln unter die Erde.
Ich fletsche meine Zähne. Mein Nackenfell und Schweif richten sich auf.
Ein tiefes hasserfülltes Knurren dringt aus meiner Kehle.

Es ist still.
Kein Rauschen des Windes.
Kein Laut eines Tieres.
Kein Herzschlag.

Du kannst mich nicht töten.

Die letzte Sekunde

Ich erhebe mich vor meinem Opfer.
Kälte wandert über seinen Körper.
Der Tod hat ihn eingenommen.
Ich fühle mich umso wärmer.

Der Regen endet und ich wandere weiter durch die Zeit.
Der Jahreswechsel schlägt an, die letzten Blätter fallen.
Der Schnee deckt das ganze Land weiß ein.
Es entledigt sich seiner dunklen Geister, doch sowohl auch seiner guten.

Eine wärmende Seele schenkt mir Begleitung auf meiner Reise.
Es greift mein Herz, hält es fest in Bann.
Der Winter dringt in mich hinein, ich fürchtete zu erfrieren.
Doch die Seele hält mich warm.

Nur noch einen kurzen Moment habe ich Zeit.
Ich blicke zurück, auf ein Rudel von Gleichgesinnten.
Mein letztes Geheul ist mit schwerer Stimme geschlagen.
Sie heulen mir entgegen, sie verbreiten Hoffnung auf ein neues Leben.

Die letzte Sekunde widme ich dir.
Verwirrt durch den Kampf,
durch all die Dämonen, die mich heimsuchten,
habe ich trotzdem nicht vergessen.
Unser Leben nimmt immer neuer Wege.
So sollst auch du den deinen finden.

Lebe wohl.
Auf das wir uns erst im Paradies wieder finden.

Finsternis

Die Walddecke bietet nur wenig Schutz vor dem starken Regen. Es drückt einen beinahe zu Boden.
Es ist finster. Gelegentlich blitzt der Himmel auf, welcher schattenartige Kreaturen zwischen den Bäumen hervorhebt. Ich ignoriere ihre Präsenz und gehe meiner Wege.

Was mich in all meiner Zeit hierher geführt hat ist mir so klar, wie auch ein Rätsel. Ich empfinde Demut der Einsicht gegenüber, dass ich Fehler begangen habe und trotzdem bin ich ratlos, welchen Zweck ich zu erfüllen versuche.
Meine Reise setzte sich um tausende Schritte fort, doch was habe ich in all dieser Zeit gemacht? Habe ich mich verloren?
Wer bin ich?

Plötzlich vernehme ich ein agressives Knurren einer Kreatur. Noch bevor ich antworten kann springt es aus seinem Versteck direkt auf mich zu. Das Blitzen des Himmels gewährt mir Einblick auf seine Gestalt bevor es mich zu Boden wirft. Es ist ein schwarzer Wolf anomaler Natur.
Am Boden fest gedrückt, versucht er mir wild in die Kehle zu beißen. Ich halte ihn mit meinen Läufen fern vom Versuch. Mit jedem Biss nähert er sich seinem Ziel.
Ich warte den Moment ab. Ein Biss in die Schnauze, ein anschließender Tritt. Er gibt nach und nimmt Abstand.
Ich springe auf und horche durch die Dunkelheit, welche nur von dem Lärm des Regens untergeordnet wird.
Ein Blitz, ich sehe seine Gestalt.
Ich presche auf ihn zu, beiße mich in seinem Nacken fest. Jeder Zahn bohrt sich tief durch seine Haut. Der Wolf schwingt um, packt mich ebenfalls im Fell. Er beweist eine große Macht, es ist als würden seine Schmerzen ihn stärken. Wir drehen uns im Kreis, ich darf nicht die Kontrolle verlieren. Der Kampf hält sich für einige Momente an dem Punkt, bis wir beide loslassen.
Es folgt eine Reihe von gewaltigen Attacken.
Die Pfützen im schlammigen Boden nehmen die Farbe unseres Blutes an. Selbst der Regen scheint sie nicht mehr rein waschen zu können.
Er überlistet mich, wirft mich zu Boden. Noch bevor ich aufstehe, sehe ich dass er wieder angreift. Diesmal bin ich bereit.
Ich ducke unter seine Attacke durch und schnappe nach der tödlichen Schwachstelle. Ich schleudere ihn zu Boden, ich habe seine Kehle fest im Griff. Er ringt nach Luft.

Im aufleuchtenden Blitz sehe ich seinen Blick, seine blutroten wahnsinnigen Augen. Dieser Wolf ist entschlossen seiner Taten.
Und so, bin ich.

Das Knacken seines Genicks.
Blut strömt aus seiner Kehle.
Seine Augen hüllen sich ins Leere.

Ich lasse ab. Ich setze mich daneben.
Ich beobachte seinen sterbenden Körper.

Der Tod eines Dämons
erschafft seinen Nächsten.

To Become A Demon

Schatten der Vergangenheit

Ich kenne diesen Ort. Es befindet sich tief im Wald, eine kleine Lichtung und eine Höhle, die momentan vom Nebel bedeckt wird. Die Sonne geht gerade auf.

Meine Erinnerungen streifen durch diese Gegend, sie erinnern zurück an die Zeit als ich hier aufgenommen wurde.
Ich untersuche die Umgebung. Es ist als würde ich immer noch die Wölfe sehen, die mir viel bedeutet haben. Ich erinnere mich an die Rudel denen ich meine Loyalität zusagte, um für ein gemeinsames Leben zu sorgen.
Ein schöner Ort, die Zusammenkunft aller Rudel zu ehren und von anderen Wölfen zu lernen.
Nichts von all dem existiert heute noch. Was ich sehe, bleibt eine Erinnerung.

Was führte uns fort von hier? Was haben wir falsch gemacht?
Ich war mir sicher ihr Stolz war nicht zu brechen, doch wurde ich eines besseren belehrt. Es schien so leicht zu sein seinem Leben den Rücken zu kehren.
Manchmal glaube ich dass mir klar wird was geschehen ist. Doch in Anbetracht wer ich bin, leitet mich dieser Gedanke zurück an das Unverständnis für diese Erfahrung.

Der Nebel legt sich. Langsam erkenne ich die verblasste Route die mich hierher führte.
Ich streife durch diesen Ort als ein Schatten der Vergangenheit. Seit dem Fall vor einiger Zeit, gibt es nur wenige die sich an meine Fährte erinnern würden.
Ich befürchte ich ereile mir den selben Status, wie die Wölfe die sich ihrer selbst entledigt haben.
Zwar vermag ich zu bleiben, wer ich bin,
doch wer ist jemand, den niemand kennt?

Ich weiß dass ich mehr für dieses Leben empfinde.
Ich weiß dass es noch mehr gibt, die versuchen ihren Platz zu finden.
Und ich weiß, dass ich mein Ziel nicht alleine erreichen werde.

Denn ein Wolf lebt nicht allein.

Heilung

Ein junger Wald, erfüllt von Leben.
Die Vögel singen ihre ruhigen Lieder.
Die Sonne strahlt durch enge Spalten zwischen den Blättern hindurch. Das Licht verteilt sich wärmend über meinen Körper.
Der Wind weht durch mein Fell, streichelt sanft hindurch.
Ich wittere die Erde, mit all seinen Pflanzen, mit all dem Leben das es gibt.
Ich legte mich hier zur Ruhe, angelehnt an der harten doch wohl fühlenden Rinde einer Eiche.

Ich beobachte meine Umgebung. Sehe wie die Welt sich aufbaut.
Ich lausche dem Wind, der sich vom Laub der Bäume bemerkbar macht.
Ich sehe klar, wie die Insekten in der Ferne durch das goldene Sonnenlicht fliegen.
Der Geruch des Waldes und der Erde verspricht neues Wachstum.
Ich spüre das Leben, auf dem Boden wie auf den Höhen der Bäume.
Dieser Wald ist gesund und er lebt in Frieden.

Ich fühlte mich noch nie so bewusst in meiner Umwelt, es scheint als wäre ich noch nie wach gewesen.
Alles hat seine Wichtigkeit, jedes Wesen trägt eine Verantwortung.
Sowie dieser Wald von den vielen kleinen Wesen lebt, gibt es auch Leben zurück.
Wir sind ein Teil dieser Welt.

Ich bleibe hier bis es all meine Wunden heilt.

Dem Tod wohnt eine tragische Macht inne, unbezwingbar durch deine eigene Kraft.
Den Kampf zu beginnen, bedeutet den Kampf aufgeben zu müssen.
Auf dass du selbst die Ruhe deiner Seele finden magst, Wolf.

Der letzte Laut

Ich befinde mich in einer kalten, aber ebenen Umgebung. Ich kann in der Nähe die Eisplatten durch das Wasser fließen hören.
Vor mir befinden sich zwei große Felsbrocken.
Einen Blick gehoben, sehe ich eine weiße Schneedecke über das Land verteilt. Ich senke wieder meinen Kopf und arbeite weiter.
Hier ist es ruhig, ruhig genug um deinen eigenen Herzschlag zu hören.
Ich weiß noch nicht wohin ich will, mir missfällt der Gedanke auch nur einen Schritt weiter zu gehen.

Weiter ohne ihn.

Er, der mir am meisten in meinem Leben was bedeutete. Derjenige der mich mein Leben lang begleitet hat.
Jener, der mir viel Freude in meinem Leben schenkte und ich ebenso ihm.
Er, dem ich meine lebenslange Treue und Schutz geboten habe. Derjenige, dem ich am meisten Vertrauen schenken konnte.
Jener, der mir immer Hoffnung im Leben versprach.
Er, mein bester Freund und Bruder.

Ich ziehe seinen Körper in das Loch, welches ich für ihn gegraben habe.
Ein letzter Blick hinein…
“Machs gut, mein Freund…
Auf dass man sich bald wiederfinden wird, Timon…”

Den Kopf gehoben, heul ich auf.

Schweren Glaubens fülle ich das Loch wieder mit Erde aus.
Ich lege mich neben sein Grab.
Ich bin noch nicht bereit zu gehen.
Ich warte hier…

Dieser Beitrag ist Timon gewidmet, der am 4. Juni 2014 um 13:45 Uhr verstarb.
Er war mein treuer Hund seit ich sieben Jahre alt war. Er ist friedlich in meinen Armen eingeschlafen.
Für immer in Gedanken, bei deinem jetztigen wie auch alten Rudel, deinen Freunden und bei mir.
Ich liebe dich. Ich werde dich niemals vergessen.

1999

Wir werden uns im Paradies wieder sehen.

Ich gebe nicht auf

Ich breche aus. Jetzt!
Ich habe mich lange genug in den Ranken festhalten lassen. Ich habe lange genug meine Umwelt vernachlässigt und in Selbstmitleid gebadet.
Ich nehme mir wieder zurück was mir gehört. Ich gebe wieder zurück, was ich anderen Schuldig bin.
Ich werde leben.

Ich richte mich auf. Ich trotze jeden Schmerz und jedes Ziehen an meinem Körper. Die Pflanze klammert sich enger um meinen Körper, die Dornen dringen tiefer ein. Jetzt ist der Moment gekommen meine Stärke zu beweisen und dem Wesen zu trotzen, welches mich verschlingen möchte. Jetzt darf ich nicht Schwach werden.
Ich beiße mich durch die dornbesetzten Ranken und reiße mir jeden Ast vom Körper, ich kämpfe.
Das hier ist nicht der Ort und nicht die Zeit zum Sterben. Ich werde leben.
Ich befreie mich von allem was mich festhält während ich mich von der Falle fortbewege. Ich fange an zu rennen, immer schneller.

Ich sehe einen Ausweg. Alles steuert darauf zu. Ich werde schneller, während ich die Falle hinter mir lasse. Gleich habe ich es geschafft.
Ich entkomme an den Waldrand, ich bin frei. Ich mache halt, atme die frische Luft und genieße das Licht. Mein Fell sträubt sich vor Entspannung.
Ein Blick darauf zurück, was mich fast mein Leben kostete, ein düsterer Ort.

Ich werde nun nicht ziellos herumlaufen. Diesmal weiß ich wohin ich will.

Ich werde zurückkehren.

iyby

Der Wolf ist wieder frei.
Ich werde leben.